Montag, 18. Juli 2011

Mein Weg mit den Aviators

Wann wir uns zum ersten Mal begegneten, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Möglicherweise Ostern 2004 oder bereits früher auf dem Eppensteiner Modellflugplatz, vielleicht haben wir uns damals auch schon kurz einmal unterhalten. Die Wende jedenfalls kam dann 2005, denn in diesem Jahr begann ebenfalls die Karriere meines nachgebauten Middle Stick von Graupner. Hias stand während des Sommerlaubs eines Tages vor meiner Pension und fragte nach dem „besten Modellflieger Deutschlands“, der hier wohnen sollte. Dass mir ein solcher Ruf vorauseilte, war mir neu, bislang hielt ich mich für einen durchschnittlichen Modellflieger mit normalen, alltagstauglichen Modellen. Weder über Zeitschriften noch Wettbewerbe war ich jemals in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten; Grund genug also, mir die Person einmal genauer anzuschauen, die nach mir fragte. Im Ausdruck seiner Augen lag etwas Verschmitztes, ständig hatte man den Eindruck, dass ihm der Schalk im Nacken saß. Er war etwas länger als ich. Und er konnte viel erzählen. Von sich, über unser gemeinsames Hobby, hatte vor allem viele Tipps auf Lager, die mir beim Flugmodellbau weiterhalfen. Als wir uns anfangs kennenlernten, überragte sein Bauch noch den meinigen. Inzwischen dürfte ich mindestens gleichgezogen haben. Die Statur in Verbindung mit seinen langen Haaren und dem Vollbart wirkte bei Matthias „Hias“ Prisching wie ein Reinhold Messner für Flachlandtiroler. Also genau passend zu mir, der aus dem weitläufigen und ebenen Norddeutschland kam, um seinem Hobby, der Modellfliegerei, unbeschwert während seines Urlaubes nachgehen zu können.
Damit startete unsere Freundschaft. Hias half mir beim Einstellen meines neuen Viertaktmotors von Magnum, der den Middle Stick sicher durch die Luft und wieder auf den Boden zurück führen sollte. Damals flogen wir noch in Eppenstein, denn die Gründung der Aviators folgte erst etwas später, nämlich Ende 2005. Hias erzählte mir von seinen Plänen, einen eigenen Modellflugverein gründen zu wollen. Knapp einen Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt am Fuße des Birkenbichls läge eine Brachfläche, die sich hervorragend zum Fliegen eignete. Mit dem ihm eigenen Engagement setzte er sich konsequent für die Neugründung des Vereins und dem Herrichten des Platzes ein. Ich finde es erstaunlich, was er mit viel Liebe für unseren Flugmodellsport dort zustande gebracht hat: eine Vereinshütte, Grill, Sichtschutz und vor allem eine hervorragend gepflegte Piste. Aus eigener Erfahrung kann ich auch von gänzlich anderen Beispielen berichten, bei denen der Eindruck entsteht, man hätte es seitens des Vorstandes mit guten Beamten zu tun, d. h. wider besseren Wissens jeder Entwicklung entgegentreten. (Siehe Geschichte „So bitte nicht“!).
Mit Stolz denke ich an die Gründungsversammlung beim Zeilinger im Winter 2005 zurück, bei der ich als Gast teilnehmen durfte. Hias präsentierte mich damals -natürlich ohne jegliche Hintergedanken- als Besitzer einer kleinen computergesteuerten Fräse.
In den nächsten Jahren sahen wir uns meist während der Sommer- und Weihnachtsferien. Aber auch in der Zwischenzeit tauschten wir uns per Email regelmäßig aus. Es ist Hias´ Verdienst, dass ich den Umstieg zum Elektroflug geschafft habe, damals im Sommer 2006, als ich mit meiner ersten Eigenkonstruktion nach Obdach kam. Ein Wechsel tat Not, denn mein Verhältnis zu Verbrennungsmotoren verschlechterte sich zusehends. Schon in der Vergangenheit musste ich häufiger die Erfahrung machen, dass sich ein gut eingestellter Motor, wenn er erst einmal auf dem Flugplatz zum Einsatz kommen soll, verhalten kann wie eine launische Diva. Wobei sich selbstverständlich auf dem Platz der Fehler nie finden ließ, sondern erst Zuhause, somit war wieder einmal ein schöner Sommernachmittag statt mit Fliegen mit erfolglosem Einstellen des Motors vergangen.
Das extremste Beispiel für Motorenstress erlebte ich mit eben diesem meinem Middle Stick, den ich 2004 nach einem Originalbauplan wieder aus der Taufe hob, und der meine modellfliegerische Karriere bis zum unrühmlichen Ende der meisten Teile im Sommer 2010 begleitete.
Als ersten Motor setzte ich einen extra dafür gekauften Magnum Viertakter mit 11 ccm Hubraum ein. Nach dem Einlaufen zeigte er sich zunächst als zuverlässiges Triebwerk, sodass ich fast schon wieder den Glauben an diese Motoren zurück gewann. Doch ohne erkennbaren Grund begann nach ungefähr einem Jahr mitten im Lauf schlichtweg abzusterben. Das ging so weit, dass ich auf dem heimischen Flugplatz den Motor startete, einen zuverlässigen Lauf im Stand feststellte, nur um dann beim Gasgeben während des Startvorganges den Motor wieder absterben zu sehen. Nach mehreren Durchgängen dieser Art und unter dem Gelächter der Modellfliegerkollegen, die mir fortan den Spitznamen „Quax“ verpassten, brach ich dieses peinliche Schauspiel dann ab und wechselte den Motor gegen einen alten 6,5 ccm Zweitakter von OS, den mir Hias einst zur weiteren Verwendung geschenkt hatte. Dieser Zweitakter lief zwar zuverlässig, doch seine Leistung ließ arg zu wünschen übrig, sodass ich ihn gegen einen gebrauchten Hochleistungszweitakter gleichen Hubraums mit ABC-Laufgarnitur und Resonanzschalldämpfer austauschte. Die Leistung hätte sicherlich gereicht, aber auch dieser Motor verweigerte seine Dienste. Wie sich herausstellte, war die Kurbelwelle nach einem Absturz leicht verbogen, was zu dem schlechten Laufverhalten führte.
Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt, noch standen mir weitere geeignete Motoren zur Verfügung und so probierte ich es weiter: Ähnlich alt wie das Original des Middle Stick befand sich ein 8 ccm Super Tiger in meinem Besitz. Diese Paarung wäre das Tüpfelchen auf dem „i“ geworden…, wenn sie funktioniert hätte. Das Problem war nur, dass mir der Originalvergaser und -schalldämpfer fehlten. Für den Schalldämpfer konnte ich einen selbstgebauten Krümmer verwenden, der die Abgase in ein Resonanzrohr umleitete. Für einen Vergaser ließ ich mir eine geeignete Hülse drehen, damit dieser in den Einlass direkt in das Kurbelgehäuse hineinpasste. Die Idee mit dem Heckvergaser war meines Erachtens ihrer Zeit weit voraus, denn durch diese Anordnung wurden die Finger beim Einstellvorgang erfreulich weit von der Luftschraube eingesetzt.
Das Schicksal meinte es aber auch diesmal anders, denn der Suppentiger lief nur links herum sauber durch. Diesmal war ich nur insofern schlauer, als dass ich die Laufversuche im eigenen Garten durchführte. Die Idee, eine linksdrehende Luftschraube zu verwenden, verwarf ich jedoch ganz schnell. Meine letzte Hoffnung ruhte schließlich auf einem gebrauchten OS Max-Zweitakter mit 10 ccm Hubraum. Tatsächlich waren sowohl die Einstellung des Motors als auch das Fliegen problemlos möglich, die Freude währte allerdings auch nur kurz, nur kam diesmal die Fußangel aus einer anderen Richtung: Wie beim Original auch, hatte ich die Querruder über ein zentrales Servo mit Umlenkhebeln angelenkt. Zwar wollte ich das gegen eine direkte Anlenkung über zwei Servos ändern, da alles problemlos funktionierte, schob ich diese Entscheidung jedoch immer weiter vor mir her. Ein fataler Fehler, der prompt im Winter 2008 quittiert wurde. An einem frostigen Tag wollte ich noch ein paar Runden mit dem Middle Stick drehen. Im Flug hörte ich ein kurzes Knallen, gefolgt von einem flatternden Geräusch und die Wirkung des Querruders ließ spürbar nach. Ich versuchte noch eine Kurve, um den Flieger wieder auf Heimatkurs zu bringen, als es ein zweites Mal knallte, noch lauter flatterte und das Querruder endgültig unwirksam wurde. In engen Kreisen bohrte sich die Maschine schließlich in den Moorboden. Der Rumpf wurde dabei irreparabel beschädigt, Flügel und die Leitwerke blieben heil. Wie ich vermutet hatte, waren  beide Umlenkhebel durch die Kälte versprödet und unter der Anlenkungslast gebrochen. Da die Preise für Rudermaschinen heutzutage deutlich gepurzelt sind, ziehe ich seither eine direkte Anlenkung immer vor.
Wegen der gutmütigen Flugeigenschaften des Middle Stick baute ich daraufhin einen neuen Rumpf, von jetzt an verwendete ich einen Elektromotor und steuerte beide Querruder mit jeweils einem Servo an. Bei dieser Gelegenheit ersetzte ich die dem Original nachempfundene Seidenbespannung durch Bügelfolie, denn die aggressiven öligen Abgase hatten bereits hässliche Spuren auf der Oberfläche hinterlassen. Bis zum Sommer 2010 begleitete mich ein zuverlässig laufender Motor, der mir viele kurzweilige Stunden beim Fliegen mit dem Middle Stick bescherte.
Diesen Erfolg kann letztlich Hias für sich verbuchen, doch ich bin ein wenig abgeschweift. Kehren wir zurück in den Sommer des Jahres 2005. Denn damals empfahl mir Hias den Kauf des Funjet von Multiplex. Gemeinsam fuhren wir zum Schweighofer nach Deutschlandsberg und deckten uns mit dem erforderlichen Material ein. Das Angebot ließ jedes Modellbauerherz höher schlagen, so auch meines. Hier wäre sicherlich nicht nur ich gerne einmal bei freiem Ein- und Ausgang ein paar Stunden allein. Es sollte nicht unsere letzte Fahrt dorthin gewesen sein.
Der Funjet entstand im Hobbyraum von Hias, der genauso originell war, wie er selbst. Neben seinem Haus stand eine Art Wellblechhütte, deren Wände, sofern nicht Regale dort angebracht waren, über und über mit Bauplänen aus alten Zeitschriften tapeziert waren. Selbst wenn ich jedes Mal wehmütig auf die Pläne schaute, einer solchen Verwendung hätte ich sie nie zuführen können, dennoch muss ich gestehen, gefiel mir diese Idee. Der Flair unseres Hobbies kroch dadurch förmlich aus jeder Ecke. Welcher Ort hätte also besser sein können, als dieser, um für mich eine neue Ära einzuleiten? So entstand innerhalb weniger Stunden aus den überwiegend geschäumten Teilen das kleine Heizgerät zum Abreagieren.
Inzwischen hatte ich auch Hias´ Sohn Gunther kennengelernt, zwar ebenfalls begeisterter und sympathischer Modellflieger, doch trotzdem in vielerlei Hinsicht das Gegenteil seines Vaters: sportlich aktiv im Karate, von einer entsprechend schlanken Statur und sehr viel Ruhe ausstrahlend. Ihn hielt ich für genau den richtigen Mann, um meinen neuen Funjet einzufliegen. Doch wie sich sehr schnell herausstellte, waren meine Bedenken grundlos, der Funjet flog auf Anhieb sauber, seine Fluggeschwindigkeit sollte zukünftig dem einen oder anderen Zaungast ein Staunen entlocken. Selbst wenn er inzwischen gealtert ist, so muss ich die Haube mit Klebestreifen sichern, den Motor habe ich gegen ein etwas stärkeres Exemplar ausgewechselt, es kommen kapazitätsmässig größere Akkus zum Einsatz, so begleitet er mich abgesehen von einem folgenlosen Missgeschick noch heute absturzfrei (toi, toi, toi, dreimal auf Holz geklopft und um die eigene Achse gedreht!):
Es war im Sommer 2009 als unser heimischer Verein seinen Tag der offenen Tür abhielt. Um den Zuschauern etwas Spektakel zu bieten, sollten alle Piloten mit einem Funjet, ihrer waren es fünf, gemeinsam zu einem surrenden Bienenschwarm aufsteigen. Vier Piloten starteten problemlos nur ein einziger bekam eine Böe ab, die den Funjet im Moment des Loslassens im Gleitwinkel eins zu platsch auf den Boden drückte. Mangels einer Ersatzluftschraube waren damit weitere Versuche für diesen Tag gestorben. Nun ratet mal, wer dieser Pilot war?
Wie gesagt, bis jetzt begleitet mich der Funjet seit fünf Jahren und ich hoffe, es werden noch mehrere weitere Jahre so vergehen. Aber ich schweife schon wieder ab.
Hias ebnete mir aber nicht allein den Weg zum Elektroflug. Im Sommer 2006 überzeugte er mich davon, mir den Segler „Arcus“ von Robbe zu kaufen. An einem herrlichen Sommertag fuhren wir gemeinsam an einen der dort zahlreich vorhandenen Hügel und er weihte mich in die Geheimnisse des Hangflugs ein. Bis dato hatte ich nur davon gehört, es aber selbst zu erleben, dass dein Flieger -vom Hangaufwind getragen- wieder in die Höhe bugsiert wird, war schon sehr beeindruckend. An diesem Tag erfuhr ich es zum ersten und bislang einzigen Mal eine Landung vornehmen zu müssen, weil nach einer dreiviertel Stunde der Akku meines Senders gefährlichen Tiefstand meldete. Dieser Flugstil ist in der norddeutschen Tiefebene leider eine Utopie. Der Arcus, der ebenfalls noch lebt, wird nun von Schleppmaschinen auf Höhe gebracht in der Hoffnung, es in entsprechender Thermik auf lange Flugzeiten zu bringen.
Wegen der guten Erfahrungen schenkte mir Hias den GFK-Rumpf, Styroflächen und V-Leitwerk eines Seglers, dessen Namen noch Hersteller er kannte, und der wohl mehr als Hangfräse zu bezeichnen wäre. Er selbst hätte keine Ambitionen mehr, das Gerät fertig zu stellen, nachdem es bereits mehrere Jahre in seiner Hütte verstaubt war.
Aus Hias und Thomas kreierte ich den Namen „HIT“, den ich dem Segler verpasste. Viel geflogen ist er zwar weder in Obdach noch hier in Norddeutschland, aber er befindet sich ebenfalls noch heil in meinem Besitz (offensichtlich verbreitet Hias eine gute Aura, die sich positiv auf die Lebensdauer der Fluggeräte auswirkt!).
Neben der rein modellfliegerischen Seite erinnere ich mich teilweise nur lückenhaft an die Abende, die auf erlebnisreiche Flugtage folgten. Ob das möglicherweise am Genuss des Alkohols gelegen hat? So verschätzte ich mich im Winter 2007 beim Ausparken meines Autos, überfuhr rückwärts die Straße und parkte diebstahlsicher aber in der richtigen Fahrtrichtung in dem vereisten Feld ein. Damit mir die beißende Kälte nicht zu arg zusetzte, erbarmte sich Hias und setzte mich in seinem Wagen in meiner Pension ab. Am nächsten Morgen gelang dann einem Modellflugkollegen das Ausparken meines unbeschädigten Wagens auch ohne fremde Hilfe.
An dem Abend, als mir Hias die Rohbauteile des späteren HIT schenkte, hörte meine Erinnerung beim Einladen der Teile in meinen Wagen auf. Als ich am nächsten morgen verkatert erwachte, war ich mir nicht sicher, wo mein Auto stand, ein Blick aus dem Fenster zeigte mir aber, ich hatte mich wohl doch noch auf die kurze Heimfahrt gemacht (Hias´ gute Aura wirkte offensichtlich ebenfalls wie ein Schutzengel auf mich!).
Nur ein einziges Mal versagte Hias guter Einfluss im Sommer 2007. Gemeinsam organisierten wir ein kleines Flugfest mit Grillen und Bierausschank auf dem Flugplatz. Das Wetter zeigte sich an diesem Tag alles andere als gnädig, es regnete fast ununterbrochen. Genauso wie die Feuchtigkeit von oben fand als Ausgleich mehr die des Bieres ihren Weg in unsere Mägen. Während einer kurzen Regenpause wagte ich trotz allem einen Flug mit meinem Eigenbau Elektroflieger. Ich spürte, meine Reaktionen deutlich verlangsamt, es reichte allerdings noch bis zur Landung. Sauber näherte sich mein Flieger dem Platz, es hätte eine Punktlandung direkt vor meinen Füssen werden können, wenn, ja wenn nicht ein kleiner Holzpfahl am Rande des Platzes für einen abrupten Abbau der Fahrt gesorgt hätte. Mit schallendem Gelächter im Hintergrund barg ich die Reste meines Fliegers. Gott sei dank war nur der Flügel auf einer Seite weit außen eingedrückt. Zuhause sägte ich auf der anderen Seite ebenfalls das äußere Ende ab und verpasste dem Ganzen zwei neue Enden. Bis zum Ausfall des Querruderservos ungefähr ein Jahr später, flog ich das Teil in Deutschland weiter.
Aus familiären Gründen haben wir uns leider seit dem Jahreswechsel 2008/2009 nicht mehr gesehen. Wir stehen aber immer noch in Kontakt, ich gebe die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht auf!

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