Freitag, 10. August 2012

Werner Stoff: Die Lady

Ruhe, Ruhe und wieder Ruhe. Nach über zweistündiger Kassiertätigkeit bei einem Verein anderer Art war ich ziemlich fertig.  Ich schleppte mich vom Stammtisch in den angrenzenden Schankraum und wollte mal was Alkoholisches trinken.  Mein kellnernder Neffe grinste mich an und fragte überflüssigerweise – er hatte das passende Leerglas schon in der Hand – was ich nun trinken wolle.
„Bitte einen weißen Spritzer“, brachte ich noch so halbwegs hervor. Argwöhnisch ließ ich meinen Blick in dem zu dieser Stunde nur noch halbvollen Schankraum schweifen. Ein paar Bekannte und augenscheinlich keine Personen, welche mir ein Gespräch aufzwängen wollten. Nach einem Unglücksfall hatte ich ein reduziertes Gehörvermögen kombiniert mit einem nervigen Tinnitus und deshalb dieses eklatante Ruhebedürfnis. Meinem Neffen und den meisten bekannten Anwesenden war mein akustisches Defizit  bekannt und  akzeptierten meine Entspannungsphasen nach den stressigen Vereinsabenden. Wir lachten gerade über ein Blödelprodukt unserer sonntäglichen 11:00 Uhr-Bierrunde, als ein entfernt Bekannter, Conny, ca. 40 Jahre alt, sich zu uns gesellte. Conny, unsere zwanglose Plauderei schändlichst ignorierend, fragte ohne Umschweife: „Du bist ja ein Experte beim Modellfliegen.“
Ausweglos – da waren aber nur mein nicht Modell fliegender Neffe und ich -  fragte ich sicherheitshalber nach: „Meinst du mich?“
Conny: „Ja, natürlich. Am Samstag vor einer Woche war ich mit dem Fahrrad auf den Serpentinen talwärts unterwegs. Du warst oberhalb deines Hauses und hattest einen Sender in den Händen. Du bist mit dem Flieger Kurven und auch verkehrt herum geflogen. Beim Landen habe ich dir auch zugeguckt. Ich wollte schon weiterfahren aber dann hast du einen anderen Flieger genommen. Der war etwas kleiner aber noch schneller. Manchmal hat das Ding richtig gepfiffen und es war super anzuschauen“.
Meine leise Erwiderung: „Ja, das war ich“.
Conny: „Ich habe mir gedacht, wenn ich übe,  kann ich das auch machen.  Gleich am Dienstag habe ich mir dann einen Flieger  gekauft“.
Es war wieder soweit und ich spürte es.  Mein linkes Auge klappt bei Nervosität unkontrollierbar immer halb zu. Den Kopf leicht abgewandt und dennoch versuchend Kontenance zu bewahren fragte ich dennoch: „Was hast du für einen Flieger gekauft?“
Conny freudestrahlend: „Ich habe eine Tschesta mit Fernsteuerung zu einem Aktionspreis gekauft. Der Verkäufer hat gesagt, jeder kann damit fliegen.“
 Ich: „Eine Tschesta?“
Conny: „Ja, eine Tschesta.“
Mein linkes Auge klappte nun ganz zu. Mein Neffe,  mich kennend und den Dialog neugierig verfolgend, stellte mir unaufgefordert – sein Grinsen war noch breiter geworden -  einen  weiteren Spritzer mit hohem Weinanteil hin. Trotz meiner bescheidenen Modellflugkenntnisse sind mir zig Modelle bekannt. Eine Tschesta oder Cesta kannte ich nicht. ‚Cesta’ kommt aus dem slawischen Raum und hat die Bedeutung von ‚Weg’, und dergleichen.
Nach kurzer Zeit  hatte ich zwar die Lösung aber ich ließ Conny – auf Grund  seiner Ruhestörung und  nun niederen Instinkten folgend – ein wenig zappeln:  „Wie sieht der Flieger eigentlich aus?“
Conny skizzierte mit seinen Händen unter Zuhilfenahme von Bierdeckeln einen Hochdecker mit  einem fragilen Dreibeinfahrwerk.  
„Aha, wahrscheinlich eine Cessna, oder?“
Conny: „Ja, eine Cessna.  Genauso heißt sie?“
Fast knurrend meine Frage: „Und wobei soll ich dir nun helfen?“
Conny: „Ich habe die Cessna schon zusammengebaut, sie ist fertig und es funktioniert alles. Bitte hilf mir ein bisschen beim Fliegen.“
Ich überlegte eine Zeit lang. Konnte ich Conny helfen? Ich war selbst ein ins Alter gekommener Fluganfänger mit einigen Fortschritten. Conny war aber ein totaler Anfänger. Er nannte mich einen Experten. Er hatte wirklich keine Ahnung.  Dem  Helfersyndrom erlegen und bar jeder Vernunft, gab ich Conny mit einer mich selbst  verblüffenden Bestimmtheit folgende Antwort: „Wenn`s Wetter passt, bist du am Dienstag, um 15:00 Uhr, mit deiner Mühle und alles was dazugehört bei mir.“
Jedenfalls für Conny war der Abend gerettet.

Überpünktlich war Conny mit seiner Cessna bei mir. Um es kurz zu machen; er lernte in den darauffolgenden Wochen ein wenig Fliegen.  Ohne Schäden und Reparaturen  lief`s natürlich nicht ab. Bei  diesbezüglichen Klebearbeiten in meiner Kellerwerkstätte wies Conny auf das Heckteil eines im oberen Regal abgelegten Seglers und erkundigte sich danach.
Ich: „Das ist eine Easy Glider Pro. Ein Elektrosegler aus EPP. Normalerweise ein geeigneter Anfängerflieger. Sie hat einen etwas stärkeren Antrieb und Conny, ich sag`s dir gleich, die ist noch nichts für dich.“

Conny flog bald  eigenständig  und  wir konnten, er mit seiner Cessna,  ich meist mit meiner Hawk,  nebeneinander fliegen. Conny erkundigte sich noch einmal nach meiner  EGP und erhielt die gleiche ablehnende Antwort. Meine EGP, die ‚Lady’ hat für mich einen ideellen Wert. Mit ihr lernte ich ein wenig Fliegen und Conny mit seinem ungestümen Drang nach Höher und Schneller hätte sie wahrscheinlich schnell geschrottet. 
Zu Beginn der kalten Jahreszeit trennten sich unsere Wege.

Nach Monaten erfuhr ich, dass Conny dem Modellflugverein Soundso beigetreten war. War ich darüber enttäuscht oder erleichtert? Gemischte Gefühle jedenfalls,  Conny war zufrieden und damit Basta.

Bei einer zufälligen Begegnung fragte mich Conny: „Andi, können wir noch einmal miteinander fliegen. So wie in alten Zeiten.“  
Conny war gut, so wie in alten Zeiten,  das war gerade einmal 6 Monate her. Ich bejahte und  Conny so nebenbei: „Hast du noch deine Easy Glider Pro mit dem original Antrieb und  ist sie auch startklar?“
Wahrheitsgemäß erwiderte ich: „Sie hat ein bisschen Staub angesetzt aber die ‚Lady’  ist startklar.“ Conny war zufrieden mit meiner Antwort und eröffnete  mir, mit Hilfe eines Vereinskollegen namens Walter habe er eine Easy Glider Pro zusammengebaut und schon öfters geflogen.

Connys  Interesse an meiner EGP war ungewöhnlich. Meine ‚Lady’  war und ist noch immer mein Traditionsflieger, die Nummer Eins,  und  wurde nur mehr gelegentlich geflogen.  Auch von meiner Familie wurde sie respektvoll nur mehr die  ‚Lady’ genannt. Bei meinen sonstigen Fliegern wäre ich gleichgültiger gewesen aber bei meiner ‚Lady’ …
Am gleichen Abend wurde eine ohnedies überfällige Korrespondenz mit einem  wahren Könner und Gönner im Norden Deutschland eingeleitet.

Nach etwa 4 Wochen – das Wetter spielte vorerst nicht so mit und ich war froh darüber – kam Conny zu mir. In seinem Kombi eine relativ neu aussehende EGP mit den originalen Aufklebern.  Auffällig war der schon etwas kleinere Aluspinner mit Kühllochöffnung. Conny steckte die Flächen an und ich konnte kurz in das Rumpfinnere blicken. Aha, ein 40 Ampere Regler.  Wahrscheinlich ein 35 mm Außenläufer mit einer 12x6 Schraube, einer  3s 2200 mAH Lipo Zelle und eine Menge Ballast im Heckteil.  Unter Insidern eine beliebte Tuning Variante einer EGP.  Zirka 400 Watt Eingang, das kann ja heiter werden. Ich gab mich überrascht und beglückwünschte Conny zu seiner EGP.

Neben seiner neuen EGP wirkte meine vorwiegend orange lackierte ‚Lady’ etwas deplaciert. Conny ließ mir großzügigerweise beim Start den Vortritt und ich brachte meine EGP in einem Winkel von etwa 45 Grad auf ca. 300 Meter Höhe. Conny, frohlockend und seinen Leitungsüberschuss von Anfang demonstrierend, setzte senkrecht steigend nach und wartete auf mein nächstes Manöver. Bei diversen Manövern ließ mir Conny großzügigerweise immer wieder den Vortritt, überholte mich und imitierte meine Manöver mit seinem gewaltigen Antrieb. Bei der nächsten Aufwärtspassage – meine ‚Lady’ wieder mal überholend - sagte Conny triumphierend zu mir: „Andi, so baut und fliegt der Modellflugverein Soundso.“
Was hatte ich den Kerl bloß getan, ein bisschen Fliegen, Reparieren und Theorie gelernt. Zudem hat er auch noch gern mein Bier gesoffen. Dieses angeberische Getue  hatte ich nun satt und war darauf auch vorbereitet. Mein linkes Auge klappte ausnahmsweise nicht zu und ich betete, es möge nichts schiefgehen. Dann schob ich das erste Mal bei dieser Scharade den linken Knüppel voll nach vorne. Es lief wie geschmiert. Die ‚Lady’ zog senkrecht beschleunigend,  die EGP von Conny lässig überholend,  nach oben.
Conny: „Was ist das?“
 Ich kurz: „Meine Lady.“
Conny interessierte mich dann gar nicht mehr. Der Himmel war groß genug und wir – ‚Lady’ und ich – tobten uns da oben so richtig aus. Conny hetzte mit seiner EGP abkürzend immer ein wenig nach aber wir ließen ihn einfach stehen. Dann flog ich eines meiner Lieblingsmanöver:  Aus Bahnneigungsflug mit vollem Zeug, Gas kurz raus,  eine gerissene halbe Rolle und dann brutal Höhenruder. Kurz schwappten die Flächen der ‚Lady’ im Sonnenlicht und dann wieder weiter mit Vollgas. Es war einfach herrlich. Sekunden später hörte ich ein Geschrei von Conny. Es war ein langes  „Aaaah“, gefolgt von einem derben Ausdruck und ich sah nur mehr  herab fallende Schaumteile. Conny hatte seine EGP in der Luft geschrottet. Ich landete und zwischenzeitlich war Conny  bereits über den E-Weidezaun bei den Trümmern seiner EGP. Hüpfend und an Ästen zerrend barg Conny eine auf einem älteren Apfelbaum hängengebliebene Fläche. Seine Aktivitäten erregten die Aufmerksamkeit bei vier Stierkälbern in der Weide und diese trotteten neugierig in Richtung der Geräusche. Conny geriet in Panik lief mit den Trümmern in den Händen zum E-Zaun und bekam beim hastigen Übersteigen einen Schlag ab.
Schnaufend und schwitzend sprach mich Conny an: „Zuerst die verdammten Viecher und dann der E-Zaun. Ich habe geglaubt, meine letzte Stunde hat geschlagen und meine EGP ist total hinüber.“ 
Ich: „Die Viecher tun dir nichts. Stehenbleiben, klatschen und schreien.  Dann verziehen sie sich.  Schade um deine EGP. Wie ist denn das passiert?“
Conny: „Wie du habe ich auch eine halbe Rolle gemacht und dann voll Höhenruder gegeben. Das Ding ist richtig explodiert. Walter hat mich gewarnt,  bei vollem Zeug keine wilden Spielereien mit den Rudern. Die Mühle hat Totalschaden.  Deine ‚Lady’ geht wie die Hölle. Wieso hat sie die Flächen nicht angelegt? Du warst ja noch schneller unterwegs. Hattest du auch Hilfe beim Aufmotzen?“
Ich sagte nur: „Ja.“
Conny gierig: „Und von wem hattest du Hilfe?“
Ich grinste, blickte einige Zeit himmelwärts nach Norden und sagte nur: „Von oben.“
Conny verließ als Fragezeichen meine Wiese und ich brachte die ‚Lady’ als Ganzes in den Keller. Ihre Flächen sind nicht abnehmbar und das war auch gut so. Meinen Nimbus als Alleinflieger hatte ich jedenfalls wiedererlangt.

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