Sonntag, 14. August 2011

Sven Glückspilz

So sieht es aus, wenn mir ein Fehler passiert. Das sind die Überreste einer Caravelle, die ich im Maßstab 1,4:1 nach einem Originalbauplan von Graupner nachgebaut habe (Siehe die Unendliche Geschichte, Teil I). Mit vielen Unterbrechungen betrug die Bauzeit fast 7 Jahre, angefangen von den ersten Planungen 2003 bis zur Fertigstellung am 22.09.2010. Die Spannweite von 2,60m brachte mich in eine bis dahin für Motormodelle bislang neue Dimension. Die größere Masse ließ viele Detailfragen bezüglich der Stabilität aufkommen, die es zu klären galt. Letztlich hatte ich sie alle gelöst und versemmelte den Flieger, weil ich zum ersten Mal in meiner langjährigen Fliegerlaufbahn vergessen hatte, die Drehrichtung des Querruders zu kontrollieren. Und wie sollte es auch anders sein, liefen die Dinger verkehrt herum. Innerhalb von weniger als einer Minute zerbarst die langjährige Arbeit in viele Teile.  Den Rumpf konnte ich zwar noch wiederherstellen, aber der in Rippenbauweise aufgebaute Flügel war beim besten Willen nicht mehr zu retten, gleichermaßen zogen drei Servos in den Modellfliegerhimmel auf, ein Resonanzrohr des Boxermotors blieb für immer verschwunden.



Soweit ich mich zurückerinnern kann, zogen Abstürze bei mir ständig mehr oder weniger lange Reparaturzeiten nach sich, sofern sich eine solche überhaupt lohnte.  Umso mehr erstaunte es mich mit anzusehen, mit wie viel Glück der Sohn meiner Frau aus erster Ehe Stefan seine ersten Flugversuche meisterte.
Von Anfang an verstanden wir uns sehr gut, irgendwann erfuhr er auch von meinem Hobby. Er zeigte sich zwar interessiert, aber es sollte noch fast drei Jahre dauern, bis er den Schritt zur Modellfliegerei wagte, denn es fehlte der geeignete Anlass.
Ende letzten Jahres fiel mir dann ein gut zwanzig Jahre alter Baukasten eines Robbe Charter in die Hände. Der Vorbesitzer wollte damit ursprünglich auch die Modellfliegerei beginnen, hatte aber bereits nach der Fertigstellung des Rumpfrohbaus wieder aufgegeben. Entgegen den Angaben im Bauplan waren die Flügel bereits aus Styropor geschnitten und mit Balsaholz beplankt worden. Als Zubehör hatte man dem Baukasten einen ASP-Motor mit 4 ccm Hubraum beigelegt, ebenso wie Bügelfolie, einen 40 MHz-Empfänger mit zwei Kanälen zur Ansteuerung von drei (?) Servos. Das Beste war jedoch, dass das ganze wahrscheinlich per Gedankenübertragung ohne einen Handsender funktionieren sollte, denn der fehlte völlig. Offensichtlich scheint sich dieses System nicht durchgesetzt zu haben, denn der Herstellername blieb mir unbekannt.
Wegen des weit fortgeschrittenen Baus investierte ich die Abende zweier Wochen, bis der Charter fertig vor mir stand. Von den alten Fernsteuerungskomponenten traute ich nur einem Servo den Antrieb des lenkbaren Bugfahrwerkes zu, ansonsten baute ich drei neue Servos in den Rumpf, deren Gesamtgröße ziemlich genau der des alten Servos entsprach, welch ein technischer Fortschritt!
Etwas skeptisch sah ich dem Lauf des Motors entgegen, nicht allein, weil ich mit Verbrennungsmotoren ein wenig auf Kriegsfuss stehe, sondern auch wegen der langen Ruhezeit. Da ich der noch ausreichend festzustellenden Kompression sowie meinen Reinigungskünsten mit Methanol vertraute, machte ich mich daran, den Motor wie bereits aus den Anfängen meiner Fliegerei von Hand zu starten (meinen letzten Elektrostarter habe ich im vorigen Jahr verkauft). Die Zeit rann an mir vorbei wie meine gute Laune, schließlich, nach knapp einer Stunde, als ich gerade dem Motor mit den Druckwirkungen meines Schraubstockes beigehen wollte, hatte der Antrieb dann doch ein Einsehen und lief in allen Drehzahlbereichen stabil. Somit stand mir ein Trainingsmodell zur Verfügung, der richtige Moment für Stefans Einstieg war nun gekommen.
Beim Erstflug neigte die Maschine zum Wegsteigen, was durch nachträgliche Verschiebung des Schwerpunktes und Verringerung des Anstellwinkels zwar etwas besser wurde, doch das dicke tragende Profil erzeugte einfach zu viel Auftrieb, der nach dem Ausleiten einer Kurve sofort wieder in Höhe umgesetzt wurde, obwohl der Motor etwas schwächlich wirkte. Ansonsten lag der Charter stabil in der Luft, etwas eckig wirkten zwar wegen der fehlenden Querruder die Kurven, doch zum Üben reichte es. Von Anfang an zeigte sich Stefan als gelehriger Schüler, die Übungsstunden am Simulator zahlten sich aus, sodass ich nur selten eingreifen musste. Schon bald blieb nur noch das Landen meine Aufgabe und nach gut einem Monat absolvierte Stefan seinen ersten eigenen Flug. Die erste Landung wirkte zwar noch sehr sportlich, doch das stabile Fahrwerk steckte das problemlos weg.

Bei böigem Wetter brach dann eines Tages der Charter beim Start aus, lag seitlich am Wind, der schwache Motor konnte ihn nicht durchziehen, und ehe wir es uns versahen, gewann die Schwerkraft überhand und der Flieger lag wieder auf dem Boden. Das sah spektakulär aus, doch das einzige, was passierte, war der Abbruch des Seitenleitwerks, dessen Reparatur nur wenige Minuten dauerte. Ich verschwendete erst gar keinen Gedanken darüber, wie ein Flieger von mir nach einer solchen Aktion ausgesehen hätte.
Ich überzeugte Stefan bei dieser Gelegenheit, den Charter einer gründlichen Überarbeitung zu unterziehen, das hieß: neue Flügel mit Querrudern und einem weniger Auftrieb erzeugenden Profil, ein profiliertes Höhenleitwerk, Austausch der alten Bowdenzüge, die für meinen Geschmack zu viel Spiel erlaubten und Wechsel des schwächlichen Aggregates gegen ein Exemplar mit 6,5 ccm Hubraum. Gesagt getan, doch erwies sich der Umbau fast ebenso aufwändig wie ein Neubau. Erst nach zwei weiteren Wochen stand der neue Charter vor uns. Dem Anspringen widersetzte sich der neue Motor bei mir fast wieder genauso lang, wie sein Vorgänger, wobei Stefan nach der Grundeinstellung ohne langes Probieren den Motor in kürzester Zeit zum Laufen brachte (warum nicht bei mir?). Von nun an bereitete aber das Fliegen richtig Spaß, mit genügend Reserven ausgestattet, zog der Charter kraftvoll durch die Luft, das Wegsteigen nach den Kurven blieb aus und selbst einfacher Kunstflug wurde fortan möglich.
Ab diesem Zeitpunkt schaute ich eigentlich nur noch gelegentlich zu und gab Tipps zur Landeinteilung. Seitlich recht nahe unserem Flugplatz befand sich eine Baumreihe, die sich längs der gesamten Landebahn zog. Man kann sich schon denken, was passierte, es kam tatsächlich so, wie es kommen musste: Stefan unterschätzte die Höhe eines Baumes und der Charter blieb darin hängen. Wie ein welkes Blatt im Zeitlupentempo rutschte der Flieger aus schätzungsweise 10 Meter Höhe nun durch das Geäst zu Boden. Ich ahnte das Schlimmste, doch nach der Bergung musste lediglich mit leichten Schlägen auf die Rumpfunterseite das Tankpendel davon überzeugt werden, wieder nach hinten zu schlagen. Erst nach sorgfältigster Begutachtung konnten wir eine kleine Delle an der Vorderkante eines Flügels ausmachen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit dem Kopf zu schütteln und für den nächsten Start aufzutanken.

Wenige Wochen später, gleicher Ort. Inzwischen reichten Stefans Flugkünste aus, um ohne Aufsicht fliegen zu können. Während er so seine Runden drehte, tat ich gleiches mit meinem Flieger.
Plötzlich hörte ich hinter meinem Rücken nur: „Scheiße!“ und eine ungewohnte Stille. Sofort landete ich und erfuhr, was passiert war: Stefan wollte weiträumig zur Landung ansetzen, als der Charter noch mit Halbgas sich vermutlich aufgrund einer Störung nicht mehr aufrichten ließ und in ein vor dem Flugplatz stehendes Maisfeld jagte.
„Wo in etwa ist er denn gelandet?“, wollte ich wissen.
„Ziemlich genau in der Mitte!“, bekam ich zur Antwort.
Auf eine so präzise Ortung hatte ich nur gewartet, denn: Ich hasse Maisfelder! Vor allem dann, wenn die Pflanzen wie in diesem Falle bereits deutlich länger sind als ich! Dann fallen mir ähnliche Suchaktionen aus den Anfängen meiner eigenen Fliegerkarriere ein, die meist sehr langwierig ausfielen. Da wir an diesem Nachmittag allein auf dem Platz waren und Stefan wegen eines Bruchs des Mittelfußes mit seinen Krücken nicht durchs Maisfeld gehen konnte ohne eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen, blieb darüber hinaus die Bergung –welch unermessliche Freude- nun allein meine Aufgabe. 
Mühsam kämpfte ich mich durch die Reihen, mit vorgehaltenen Armen schützte ich meine Augen vor den Blättern, die ständig an meinem Gesicht entlang glitten. Die Sicht reichte kaum mehr weiter als einen Meter. Wie lange ich unter diesen Umständen durch das Maisfeld irrte, kann ich nicht sagen, irgendwann stolperte ich fast über den Charter. Der Flügel saß schräg auf dem Rumpf, wurde aber noch immer von der Schraube gehalten. Ansonsten fehlten keine Teile. Zurück auf dem Platz inspizierten wir den Schaden, welchen Schaden eigentlich? Der vordere Dübel zur Flächenhalterung aus 6 mm Sperrholz spreizte ein wenig auseinander, ebenso ein Stück des Rumpfdeckels hinter dem Flügel. An dieser Stelle war zugleich die Flügelhinterkante ein wenig aufgeplatzt. Bei der Kontrolle der Servos stellte sich auch eine Beschädigung des Getriebes vom Servo für das lenkbare Bugfahrwerk heraus. Reparaturzeit: ca. 15 Minuten, denn sowohl der Rumpf als auch der Dübel ließen sich mit Weißleim wieder kleben.  Der Austausch des Servos und die Justierung des Fahrwerks nahmen die meiste Zeit in Anspruch. Von nun an bekam Stefan seinen Spitznamen: Sven Glückspilz!

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